Sonntag, 19. Juli 2009

Valkyrie

Den Film habe ich mir angesehen, die zeitliche Nähe zum 20. Juli fand ich passend. Zu den Ereignissen, die der Film erzählen will, habe ich interessantes hier gelesen.

Ich bin der Meinung, dass wir in Deutschland gezwungen sind, uns in irgendeiner Weise zu den Verbrechen der NS Zeit zu verhalten. Schließlich waren es unsere Eltern, Groß- oder Urgroßeltern, die daran mitwirkten, offen zustimmten oder es stillschweigend hinnahmen.
Daher wird seit je her versucht uns eine positive deutsche „Identität“ zu verschaffen und geschichtliche Deutungen zu finden, welche uns entlasten. Nichts anderes soll dieser Film bewirken, ist mein Eindruck. Denn angeblich hätte Deutschland nicht gänzlich moralisch versagt, weil es den 20. Juli 1944 gab (?).
Doch, der Film will ein Thriller sein und keine korrekte historische Rekonstruktion und Einordnung der Figur Stauffenbergs. Vor dem Start des Films wurde in den Medien immer wieder die Frage diskutiert, ob ein Scientologe eine für die Deutschen so wichtige Figur wie Stauffenberg spielen dürfe, ob eine Drehgenehmigung im Bendlerblock die Würde des Ortes beschädige oder ob es Hollywood zu zutrauen sei, einen solch ernsten Stoff umzusetzen. Bei all dem wurde wesentliches jedoch nicht diskutiert: Wer war dieser Stauffenberg eigentlich und welche politischen Ziele verfolgten er und seine MitstreiterInnen? Wenn Stauffenberg als Held dargestellt wird, der die Welt von Hitler befreien wollte, liegt der Kurzschluss nahe, Stauffenberg hätte sich gegen alles eingesetzt, wofür der Nationalsozialismus steht, und außerdem im Sinne der bundesrepublikanischen Verfassung gehandelt. Dabei waren Staufenberg und seine Mitverschwörer, nationalkonservative elitäre Militaristen, Soldaten, die generell und zuallererst an den soldatischen Eid gebunden und einem Oberbefehlshaber in jedem Fall zum Gehorsam verpflichtet sind. Ihr Eid auf den Führer, war ein persönliches Treuegelöbnis und ihn zu töten stellt einen Eidbruch dar. So etwas ist unter Militärs nicht die Norm.
Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das NS-Regime war verbrecherisch und hatte sich damit selbst die Grundlagen des Eides entzogen und wer sich zum Staatsstreich entschied, konnte sich ein überlegenes Gewissen und eine überlegene Moral zuschreiben. Zugegeben, dies ist eine entpolitisierte Betrachtungsweise und wird den Akteuren nicht gerecht, denn, es hat schließlich Gemeinsamkeiten zwischen der Ideologie der Militärelite beziehungsweise des Offizierskorps und dem NS Staat gegeben. Ich frage mich daher, wo lagen die Gründe für Entscheidung zum Attentat auf Hitler? War es nicht die drohende Kriegsniederlage und die Person Hitlers, die in den Augen des Militärs für die falsche Kriegsführung in diesem Krieg verantwortlich gemacht wurde?
Wir wissen heute, es gab verschiedene Gruppen des Widerstandes gegen Hitler. Für mich stellt sich die Frage, in welcher Tradition ich mich verstehe. Sind nur die „Frauen und Männer des 20. Juli“ in der Lage all jene ‚anständigen‘ Deutschen zu repräsentieren, die dem Nationalsozialismus distanziert gegenüberstanden? Was ist mit der ArbeiterInnenbewegung, deren Widerstand sich in politischer Motivation und Vorstellung von dem Widerstand der Militärs grundlegend unterschied? Ist nicht jeglicher Widerstand gegen Hitler, unabhängig seiner politischen Zielrichtung, ein "guter" gewesen? Ich will auf keinen Fall den jüdischen, den kommunistischen oder den sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler vergessen.
Im Zusammenhang mit dem "20. Juli 1944" stört mich dieses explizite Bekenntnis zur "deutschen Nation" und mir missfällt, das seit 1999 jedes Jahr am 20. Juli Rekruten der Bundeswehr in Berlin zu einem „Feierlichen Gelöbnis“ antreten. Soll damit eine Traditionlinie von den Ereignissen von 1944 bis heute gezogen werden?
Historiker sagen, es wäre eine Falschbehauptung, dass die politischen Ansichten der „Frauen und Männer des 20. Juli“ dem Grundgesetz oder der parlamentarischen Demokratie entsprochen hätten und sie können somit nicht zu Leitbildern oder sogar zu Vorkämpfern des demokratischen Rechtsstaates idealisiert werden. Stauffenberg und die meisten seiner MitstreiterInnen waren bis Anfang der 1940er Jahre Anhänger des NS.

Das Ansehen des Landes zu retten, wenigstens das, gerade auch im Ausland, war eine der wichtigsten Beweggründe Stauffenbergs bei seiner Tat. Durch Tom Cruises Entscheidung, diese Rolle zu spielen, wird Stauffenbergs Anliegen, wenn auch auf mittelbare Weise, doch noch verwirklicht. Eine breite Öffentlichkeit wird anhand seiner Geschichte verstehen, dass man sich dem Unmenschlichen widersetzen kann und dass Heldenmut und eine menschliche Haltung noch wichtiger sind, als der Erfolg. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb Oskarpreisträger Florian Henckel von Donnersmark («Das Leben der Anderen«) euphorisch und hoffnungsvoll davon, dass »Operation Valkyrie« und damit Tom Cruise »das Ansehen Deutschlands mehr befördern [wird], als es zehn Fußball-Weltmeisterschaften hätten tun können.«
Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass der NS nicht möglich geworden wäre, nicht funktioniert hätte, hätte es nicht die große Zustimmung der deutschen Bevölkerung, ihre begeisterte Mithilfe und ihre Beteiligung gegeben.
Mir ist es wichtig, eine Deutung der Geschichte wach zu halten, die nichts entschuldigt und nichts verstellt und spreche mich hiermit eindeutig gegen jede Form von Verwässerung und Trivialisierung der NS-Zeit aus.

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