Samstag, 5. Juli 2008

Es beim Namen nennen...

Heute bekam ich eine eMail von Angelika. Wir kennen uns fast 30 Jahren - sie ist eine gute alte Freundin und lebt seit einigen Jahren in der Schweiz. Wir haben nicht ständig Kontakt, ihn aber über all die Jahre nie verloren.
Im Laufe der vergangenen Jahre haben wir immer wieder Parallelen in unseren Leben bemerkt. So ist das, wenn uns Menschen eine lange Lebenswegstrecke begleiten, da gibt es immer etwas Verbindendes. Bei uns beiden war es das Erkennen von Missbrauch und Traumatisierungen in unser Kindheit. Wobei ich im "Paradies" lebte, wenn ich mir ansehe, was Angelika erlebt hat. Auf jeden Fall haben wir auch bei der Bearbeitung unserer Traumatisierungen ähnliche Wege beschritten - mit Erfolg, wir beide leben noch und wollen leben.


Angelika ist im Moment Arbeitssuchende, da ihr früherer Arbeitgeber ihr gekündigt hat, nachdem klar war, dass sie ihre alte Tätigkeit nicht wieder aufnehmen wird können. Wie schon gesagt, sie lebt in der Schweiz, sicher sind dort die Verhältnisse und Strukturen an manchen Stellen andere als bei uns - doch es gibt auch erschreckende Ähnlichkeiten, wie mir ihr eMail schmerzlich bewußt macht.

Ich werde aus dieser eMail zitieren, weil ich finde, Angelika hat in ihrer Empfindsamkeit, die ich ein Geschenk finde, etwas wahrgenommen, was Realität ist in der Schweiz, in unserem Land - in der Welt?:

Bis 2o.5.o8 war ich voll arbeitsunfähig... Mit viel Elan, Freude und der inneren Sicherheit, eine schwierige, aber auch gute Arbeit in den letzten Monaten getan zu haben, suchte ich meinen Weg in den mir gemässen Alltag...Die erste Krise erlebte ich, als ich mich bei der RAV meldete. In dem Gespräch mit dem durchaus freundlichen Berater wurde mir klar, dass hier eine Sprache gesprochen wurde, die keine Wertschätzung in sich trägt. Sich als Arbeitssuchende zu melden bedeutet den Verlust der Selbstbestimmung, der Würde, des Selbstwertes, wenn man sich nicht sofort schützt. Noch heftiger die weiteren Behördenkontakte – der Antragsteller mutiert sofort zum Bittsteller, dem erst einmal unterstellt wird, dass sein Antrag ungerechtfertigt ist... Wie relativ Stabilität ist, zeigt sich mir in diesen Tagen...Plötzlich ist da ein Druck entstanden aus Ansprüchen, was ich bis wann und wie zu tun habe. Ich tue das, was ich gelernt habe: ich funktioniere. Schreibe unsinnige Bewerbungen, telefoniere – bin unter dem Druck, eine Arbeit annehmen zu müssen wegen „Schadensminderung“ – also ich rotiere. Eine Stelle scheint recht interessant – als ich die Ablehnung erhalte, reagiert mein Körper...Eine schleichend sich aufbauende Müdigkeit wird beherrschend bei immer weniger Schlaf. Müde, so müde, dass ich nur sterben möchte...Doch da ist eine Sorge, dass in diesem menschenfeindlichen Dschungel verloren geht, was mit so viel innerer Arbeit und Hingabe erreicht wurde: die Fähigkeit zur Selbstfürsorge ... verloren gegangen, untergetaucht , abgesoffen im Stakkato von „du musst, du musst, du musst“.

Gabi, eine andere Freundin berichtet mir von einem gemeinsamen Bekannten, er ist so alt wie meine Tochter und gerade in einer schweren Krise und wartet auf einen Klinikplatz. Von ihm wollte das Amt eine "Unbeweglichkeitsbescheinigung", da ihnen seine Krankmeldung nicht ausreichte.

Was ist aus dieser Welt geworden? Warum verhalten sich Menschen so respektlos anderen Menschen gegenüber? Warum gibt es so wenig gegenseitige Wertschätzung? Was ist passiert? Wie konnte es soweit kommen?

Nun habe ich ja gerade erst selber erlebt, wie befreiend es für mich war, mich aus einer patriarchalen Struktur und Organisationsform zu "befreien" - dachte aber immer noch, das sei alles mein individuelles Problem gewesen.

Nein - es war meine Empfindsamkeit, die es mir unmöglich machte diese Missachtung in der Sprache, Respektlosigkeit und nicht vorhandenen Wertschätzung im Umgang zu ertragen. Diese meine Empfindsamkeit ist etwas, das ich gelernt habe in der Bearbeitung und Verarbeitung meines Traumas. Achtsamkeit mir selber, meinen Gefühlen und Wahrnehmung gegenüber haben ich ebenso gelernt. Wertschätzung und Respekt für meine Intuition und Gefühle ist mir heute sehr wichtig, überlebenswichtg.

Sicher, ich bin dadurch auch manchmal ungeschützt, aber niemals hilflos. Und ich habe gelernt, mich nicht verletzten zu lassen, auch wenn meine Gegenüber es beabsichtigt, bewußt oder unbewußt. Ich habe mir vorgenommen mich nie mehr und von keinem Menchen respektlos behandeln zu lassen. Wie lange werde ich noch leben - ich weiß es nicht - auf jeden Fall zu kurz, um mir soetwas bieten zu lassen, habe ich für mich entschieden. Ich werde es immer ansprechen, wenn ich angeraunzt werde, oder zu einem Termin komme und warten muss, ohne eine verständliche und freundliche Erklärung dafür zu bekommen.
Ich werde die Welt nicht verändern können, auch wenn ich mal angetreten bin um es zu versuchen, weiß ich, es ist nicht möglich. Darum tue ich das, was mir möglich ist, mich und mein Umfeld verändern, ansprechen, wenn mir was nicht gefällt, Mißstände öffentlich machen, nicht schweigen oder stillhalten.

Ich hoffe, von ganzem Herzen, dass ich weiterhin in der Lage sein werde so zu handeln, wie es für mich richtig ist und nicht durch äußere Umstände dazu gezwungen werde, meine Eigenständigkeit aufzugeben.

Ich wünchen euch und mir ein wunderschönes Sommerwochenende

1 Kommentar:

gabi f hat gesagt…

hi beate,

nix gefallen lassen. Nur neu sind die Probleme mit Behörden und sonstigen unfreundlichen Institutionen nicht. Siehe Kafka.

LG, Gabi