Freitag, 17. August 2007

documenta 12


Carmela Thiele

In Netze geschlagen

Die Documenta stellt demonstrativ das Werk kaum bekannter Avantgardistinnen aus.
Die documenta 12 in Kassel bringt eine Menge vergessener Positionen ans Tageslicht, die durch das Raster des Kunstmarktes gefallen sind. Die Mehrzahl dieser neu entdeckten Werke stammen von Frauen. Wer hat schon von Graciela Carnevale, Lili Dujourie, Mira Schendel, Jo Spence, Mária Bartuszová, Bela Kolárová, Lee Lozano, Charlotte Posenenske, Eleanor Antin, Iole de Freitas und Lotte Rosenfeld gehört? Aber auch die jüngere Generation, vertreten durch Imogen Stidworthy, Hito Steyerl oder Zoe Leonard, ist an zentralen Stellen präsent. Die kontrovers diskutierte d12 (Freitag 25/2007) ist auch eine Documenta der Frauen, die lautlos den Beitrag von Künstlerinnen zur Kunstgeschichte der letzten fünfzig Jahre neu ins Blickfeld rückt.
Ein Angelpunkt der Kurskorrektur liegt in der Teilnahme von Trisha Brown und Yvonne Rainer, zwei Tänzerinnen, die in der Nachfolge von Merce Cunningham in den 1960er und 1970er Jahren den Tanz und damit auch die bildende Kunst sowie - was Rainer betrifft - den Film beeinflussten. Brown und Rainer gründeten 1962 das Judson Dance Theater, an deren Projekten auch die um diese Zeit berühmt gewordenen Künstler Robert Rauschenberg und Jasper Johns teilnahmen. Fast jeder beschäftigte sich mit Performance und Aktion, auch Leute wie John Cage, Andy Warhol und Claes Oldenburg. Interessant ist auch die Bedeutung des Tanzes für die Emanzipation von Künstlerinnen wie Yvonne Rainer. In einem langen Interview mit der Filmzeitschrift Camera Obscura von 1976 bekennt sie: "Mit sechzehn begann ich zu zeichnen und zu malen. Mein Vater, selbst ein enttäuschter Maler, entmutigte mich. Dass ich mich später total dem Tanz verschrieb ... hat wohl doch ein dynamischere Erklärung als den einer ideologischen Entscheidung. Ein Anziehungspunkt war, dass es in diesem Beruf erlaubt war, mit Männern zu konkurrieren." Für die deutsche Performance-Künstlerin Valie Export vertraten noch Ende der 1970er Jahre beide Kolleginnen eine dezidiert feministische Position: "Trisha Brown und Yvonne Rainier liefern Beispiele feministischer Tanzaktionen, die der Phallokratie entkommen sind." Dreißig Jahre später vermeiden die documenta-Macher solche radikalen Aussagen. Kuratorin Ruth Noack spricht lieber davon, dass sie und Roger M. Buergel kein Problem damit hätten, Frauen auszustellen. Noack weist daraufhin, dass es ihnen vielmehr wichtig erschien, zu zeigen, dass in der Kunst viele Dinge immer wieder neu entdeckt würden. ...
Quelle: Freitag

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